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Man fragt sich ja schon: Kann das alles angehen?

Wer nicht bei 3 auf dem Baum ist, bekommt ein neues Knie eingesetzt (Hirschhausen)

Unser Gesundheitssystem ist kaum mehr als solches zu bezeichnen. Damit sind keine Kunstfehler gemeint, so etwas kann passieren. Gemeint sind beabsichtigte Körperverletzungen.

Wie soll man es sonst bezeichnen, wenn Operationen durchgeführt werden, die ausschließlich der Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern dienen. Unnütze Knie-, Hüft- oder Rückenoperationen. Nicht nur, dass viele Rückenoperationen überflüssig sind (nach Krankenkassenschätzungen bis zu 85%), haben 20% bis 30% nach der Operation Schmerzen, die in der Fachwelt dann „Failed Back Surgery Syndrome“, eine fehlgeschlagene Rückenoperation.

Nach der ersten Operation, die zur Instabilität der Wirbelsäule führen kann, erfolgt dann eine zweite. Wenn 30 Tage dazwischen liegen, kann jeder Eingriff gesondert abgerechnet werden. Da werden dann insgesamt bis zu fünfstellige Summen fällig.

Der zweite Faktor ist die falsche Diagnose durch die bildgebenden Verfahren. Es ist längst nachgewiesen, dass Röntgenbefunde nicht sicher belegen können, wo die Ursache der Schmerzen liegt. Vielfach erfolgen dadurch Operationen, die mit der Schmerzursache nicht im Zusammenhang stehen, was dann zu neuen Problemen führen kann. (s. Merkblatt der AOK https://www.aok.de/pk/fileadmin/user_upload/Universell/05-Content-PDF/150506_AOK-Faktenbox-Roentgen-Rueckenschmerzen.pdf) Das ist seit mindestens 10 Jahren bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen. Das kümmert aber offensichtlich weder die Politiker, die Krankenkassen oder die Ärzte.

Sicher ist hier die das Abrechnungssystem der Krankenkassen Teil des Problems. 30 Euro erhält der Orthopäde für jeden Kassenpatienten im Quartal, da bleibt keine Zeit für eine ausführliche Untersuchung. Nicht der Patient mit seinen Beschwerden steht im Fokus, die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. Wenn eine Praxis pleite geht, ist auch niemandem geholfen, außer vielleicht den unnütz operierten Patienten. Aus Sicht der Krankenkassen würde sich eine bessere Bezahlung der Untersuchung rechnen, es könnten Milliarden an Krankenhauskosten eingespart werden. Allerdings fehlten diese Milliarden dann den Krankenhäusern. So einfach ist das Problem also nicht zu lösen. Andererseits kann das nicht durch bewusst in Kauf genommene Körperverletzungen auf dem „Rücken“ der Patienten ausgetragen werden.

Wobei das Forderungsverhalten der Patienten nach schneller Hilfe wohl auch eine Rolle spielt. Da ist die „schnelle“ Operation scheinbar eine Option. Wer mag schon sein Verhalten ändern oder wochenlange Physiotherapien in Kauf nehmen.

Um auch das klarzustellen, die Physiotherapeuten haben viel zu tun. Also nicht jeder wird sofort operiert, insbesondere die Hausärzte verschreiben oft konservative Behandlungen, wenn das Budget es denn zulässt. Nur mit den üblichen sechs Terminen kann nicht viel ausgerichtet werden. So gibt es am Quartalsende oft gar keine Verordnungen mehr. Da haben es die Privatversicherten besser, unabhängig vom Budget gibt es zu Anfang gleich zehn Verordnungen.

Nach Untersuchungen (Durchschnitt 2014 und 2015) der Bertelsmann-Stiftung sind in Nordfriesland 272,7 Bandscheibenoperationen pro 100.000 Einwohnern gemacht worden. Der Landesdurchschnitt liegt bei 220,1, der Bundesdurchschnitt bei 199,4. Versteifungs-OPs 124,5 (NF), 107,2 (Land), 101,7 (Bund). Dekompressions-OPs 247,9 (NF), 168,8 (Land), 154,7 (Bund). Da lohnt sich auch mal ein Blick über die Kreisgrenzen hinaus. https://faktencheck-gesundheit.de/de/faktenchecks/faktencheck-ruecken/interaktive-karte/operative-eingriffe/

Ähnliches ist bei Hüftoperationen und besonders bei Knieoperationen zu beobachten.

Siehe auch https://nordfriesen.info/index.php/gesundheit/248-ich-habe-ruecken 

Wolfgang Claussen