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Die gefährlichen Heilpraktiker (2)

Das Fernsehen bietet doch immer wieder spannende Beiträge. So hat die Sendung Panorama kürzlich über einen Heilpraktiker berichtet, der möglicherweise mit obskuren Heilbehandlungen Menschen geschadet hat.

Es werden immer wieder Einzelfälle herausgepickt, um die Heilpraktiker insgesamt zu diskreditieren. Teilweise müssen dabei Jahre alte Fälle herhalten. Allerdings ist diese Herangehensweise völlig unwissenschaftlich. Die einzig wahre Medizin nimmt für sich in Anspruch, dass Einzelfälle völlig belanglos seien, es zähle nur die doppelblinde, randomisierte Prüfung. Wenn es allerdings der eigenen Argumentation zu nützen scheint, dann geht es auch mal ohne.

Der in dem Beitrag geäußerte Satz von Patrick Larscheid, dem Leiter eines Gesundheitsamtes, es sei den Heilpraktikern erlaubt Heilungsversprechen abzugeben, ist falsch. Das würde ziemlich teuer werden. Hier wäre etwas mehr Sachkunde von Vorteil gewesen. Spritzen dürfen sie allerdings geben.

Im Verlauf der Sendung hat man zu dieser Geschichte viele Heilpraktikergegner zu Wort kommen lassen. Dort wurde konstatiert, es gebe keine alternative Medizin, Medizin sei alternativlos. Darum gehörten die Heilpraktiker abgeschafft, weil sie nutzlos seien. Wenn man unterstellt, dass Medizin eben Medizin sei, dann bleiben aber immer noch die alternativen Behandlungsmethoden.

Man kann sich über die Homöopathie ja streiten, es gibt aber viele, die von sich behaupten, damit erfolgreich behandelt worden zu sein. Gegner sagen, Homöopathie sei gefährlich, andererseits sei sie aber wirkungslos. Die Gefährlichkeit entstünde dadurch, dass manche Menschen sich dann nicht mehr schulmedizinisch behandeln ließen. Das kann stimmen, ist aber doch wohl eher die Ausnahme. Tausenden hat die Homöopathie geholfen. Wenn es der Glaube war, der sie wieder gesund werden ließ, wo ist dann das Problem? Natürlich kann man denen dann keine doppelblind getesteten Medikamente mehr verkaufen. Inzwischen lassen sich so viele Menschen von Heilpraktikern behandeln, dass die alternativlose Medizin deutliche Verluste macht. Man will den Krankenkassen die Kostenerstattung für homöopathische Medikamente aus Kostengründen untersagen. Ist das logisch, wenn man dann diese kostengünstigen Mittel gegen viel teurere Medikamente der wissenschaftlichen Medizin ersetzt?

Andere Stimmen sagen, dass viele trotz der alternativlosen wissenschaftlichen Medizin wieder gesund geworden sind. Aber man will alle Kranken in dieses System zwingen. Selbstverständlich schaden Heilpraktiker den Umsätzen der alternativlosen Mediziner. Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, der bekommt ein neues Knie verpasst (E. von Hirschhausen). Unzählige nutzlose, überflüssige Rückenoperationen in deutschen Kliniken. Körperverletzung, bewusst zum Zweck der Gewinnmaximierung ausgeführt.

Der Geriater Johannes Kraft vom Klinikum Coburg berichtet in der heutigen Ausgabe des Spiegels, dass insbesondere ältere Menschen erschreckend häufig nach Fehldiagnosen falsch behandelt werden. Menschen landeten danach auf der Intensivstation oder würden pflegebedürftig.

Viele tausend Tote jährlich, die wegen mangelnder Hygiene in deutschen Krankenhäusern sterben. Ärzte, die nach jahrelangem unnützen Antibiotikaeinsatz, die einst scharfe Waffe zu einem stumpfen Schwert gemacht haben. Antibiotika, in der Tiermast eingesetzt, geben der lebensrettenden Medizin den Rest. Es gibt dadurch multiresistente Keime, gegen die kein Antibiotikum mehr helfen kann. Ist das die alternativlose Medizin?

Und dann kommen immer mal wieder einzelne Fälle von Heilpraktikern, die verantwortungslos mit der Gesundheit der Menschen umgegangen sind. Selbst wenn es zehn, hundert oder tausend wären, ist es reiner Populismus, diese Fälle allen Heilpraktikern anzulasten. Sie stehen für sich, sind nicht hinnehmbar und müssen geahndet werden. Statistisch sind die Fälle irrelevant. Sie stehen aber immer noch gegen hunderttausende Tote der wissenschaftlichen Medizin, jährlich 700.000 weltweit, allein durch multiresistente Keime. 

Und dies ist kein Rundumschlag gegen die wissenschaftliche Medizin. Sie hat Großes geleistet und tut es immer noch. Die meisten Ärzte üben ihren Beruf gewissenhaft und verantwortungsvoll aus. Jedoch der Anteil der raffgierigen schwarzen Schafe ist in der Schulmedizin im Verhältnis erheblich höher als der Anteil der Heilpraktiker, die achtlos mit der Gesundheit der Menschen umgehen. Und wenn man jetzt noch die Pharmaindustrie dazu zählt…. Aber das ist ein anderes Thema.

Wolfgang Claussen

Weitere Links zum Thema

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