Die Welt in Farbe

Arbeiten von Heike Dittrich in der Stadtbibliothek

Eine Einführungsrede, die nicht gehalten werden konnte
Wir leben in schwierigen Zeiten für die Kunst. Allerdings war es schon schlimmer. Uns bleibt so jedoch die Nutzung unserer Fantasie, um doch noch das Beste daraus zu machen.

Heike Dittrichs Arbeiten können in der Stadtbibliothek Husum gezeigt und gesehen werden.

Das ist doch immerhin etwas.

Und anstelle der Vernissage, die am 3. Dezember hätte sein sollen, können wir immerhin die Einführungsrede digital verbreiten. Deshalb wird es jetzt persönlicher als ein Bericht.

Warum spreche ich heute zur Einführung über Heike Dittrich und ihre Bilder? Ich tue das ja nicht in meiner Funktion als Vorsitzende des Kunstvereins Husum und Umgebung, dem auch die Künstlerin schon lange angehört. Auf den ersten Blick mögen wir sehr unterschiedlich wirken. Aber unter der äußeren Schicht besteht in weiten Teilen eine Verbindung, die Anne of Green Gables als „kindred spirits“ bezeichnet. Das entspricht mir etwas mehr als der deutsche Begriff „verwandte Seelen“. Aber es sind eben nicht unbedingt auch verwandte Temperamente…

Heike Dittrich in der StadtbibliothekHeike Dittrich in der StadtbibliothekMein erster Eindruck ihrer Arbeit rührt schon aus den späten Achtzigerjahren her. Zu Besuch bei Familie Berg in Hattstedt erblickte ich ein in meinen Augen damals recht großes Aquarell. Es stellte Hornveilchen dar, so, wie man sie auf Geest und unserer noch verbliebenen Heide an sonnigen und trockenen Stellen findet. Mehr kleinen Stiefmütterchen als Veilchen ähnlich. Zart, detailgetreu, aber in keiner Weise steif oder langweilig breiteten sie sich von der Mitte des Bildes aus, um sich dann zu den Rändern hin in blasser werdende, verschwommenere Formen aufzulösen. Ich war stark beeindruckt: Genauso hatte ich diese Blumen auch immer gesehen. Hier war ihr Wesen erfasst worden. Ich erfuhr, dass die Künstlerin eine Kollegin des Gastgebers an der Realschule in Bredstedt war.

Jahre vergingen. Wir waren uns noch nicht öfter begegnet als hier und da bei Veranstaltungen unseres gemeinsamen Arbeitskreises NF des BDK (Bundes Deutscher Kunsterzieher) und dann im Kunstverein.

Bei den ab 2016 von mir organisierten Ausstellungen „Künstlerfreunde“ auf dem Mikkelberg ( Center for nordisk cultur og cricket) in Hattstedt durfte sie nicht fehlen. Hier und bei den seit 2013 jährlichen Gemeinschaftsausstellungen der Mitglieder des Kunstvereins im Husumer Rathaus konnte ich die „neue“ Entwicklung der Arbeiten Heike Dittrichs kennenlernen. Seit 2003 besitzt die Künstlerin Atelier und Wohnhaus in Hockensbüll, nördlich von Husum und südlich von Schobüll gelegen. Die Formate waren noch größer geworden. Zur Aquarelltechnik kamen Acrylmalerei, Collagen aus gerissenem und geschnittenem Buntpapier und Mischtechniken aus diesen Formen verbunden mit Bleistift- und Buntstiftzeichnung.

Angesichts ihrer Ausbildung bei Professor Uschkereit an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg war es nur logisch, dass sie mit Aquarellen begann. Über Studienreisen, Symposien und mehrwöchige Sommerakademien, u.a. bei Ute Reichel und Guido Martini, bildete sich Heike Dittrich weiter und entwickelte auch mit den neuen künstlerischen Techniken jeweils eine ganz eigene Bildsprache.

Thematisch bewegt sich die Künstlerin, die sich auch intensiv mit Sprache auseinandersetzt und verschiedentlich Lyrik veröffentlichte, auf unterschiedlichen Feldern.

Zwischen Landschaftsimpressionen in Form von skizzenhaft leichten eher realistischen Plein Air Aquarellen auf Sylt und den „Inneren Landschaften“ von der Farb- und Formgebung anthroposophisch anmutenden Dartellungen des Klappholttals, ebenfalls Sylt, lassen sich kaum Parallelen finden. Die Blumenbilder in dieser Ausstellung stammen alle aus den letzten beiden Jahren und sind von starker oder zarter Leuchtkraft, jeweils dem Charakter der Pflanze entsprechend.

Bei den beiden abstrakten Großformaten, Collagen aus Buntpapier, handelt es sich um Bilder zum Thema „100 Jahre Grenze“, zu dem 38 deutsche und dänische KünstlerInnen 2020 unterschiedlichste Werke zu einer Wanderausstellung schufen.

Die Collage und mit ihr verbunden abstrakte Malerei setzt die Künstlerin meistens ein, um Erkenntnissen aus den Bereichen Yoga und Meditation Ausdruck zu verleihen: Tore, die sich öffnen, Figuren in bestimmten Bewegungen, die das Verhältnis zu einander definieren. Alle abstrakteren Arbeiten zeugen wie ihre Texte von einer philosophischen Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, dem Werdegang und den in sich ruhenden Möglichkeiten. So befindet sich die Künstlerin stets auf dem Weg, ruht in sich, aber sucht immer weiter nach neuen Themen und Formen. Dabei arbeitet sie besonders gerne in thematischen Zyklen, so auch in der Reihe „24“ zu den Texten von Yoko Tawada. „Korrespondierende Ebenen“ und „Parallele Welten“, Titel weiterer Reihen, charakterisieren diesen Weg in Abstraktion und Verinnerlichung. Ich schließe mit einem Text der Künstlerin aus ihrem Band „Innere Landschaften“.

Begegnung,
du ahnst etwas
zart, durchsichtig,
kaum wahrnehmbar.
Nur ein Hauch.
Nicht erzählbar
mit Worten.

Die Ausstellung wird bis zum 28.2.2022 in der Stadtbibliothek Husum im Nissenhaus zu sehen sein.
Mo. bis Fr. 10.00-18.00
Mi. geschlossen
Sa. 10.00-13.00Uhr

Andrea Claussen