31.03. bis 14.06.25 in der Stadtbibliothek Husum
Längst ist er kein Unbekannter mehr. In den letzten 10 Jahren hat er unermüdlich gearbeitet. Und die Früchte dieser Arbeit hat er nicht verborgen. Fast regelmäßig nahm Gunnar Berndt an den Gemeinschaftsausstellungen des Kunstvereins Husum und Umgebung teil sowie an den meisten Ausstellungen der „Künstlerfreunde“ auf dem Mikkelberg in Hattstedt. Immer bot er auf den „Bildermärkten“ im Speicher seine Bilder und seine illustrierten Gedichtbändchen an. Schon zum vierten Mal zeigt die Stadtbibliothek Husum seine Monotypien in einer Einzelausstellung.
Seit Jahren ist der Künstler über Facebook im Netz unterwegs. „gunnarlebowski“ postet fast allabendlich ein neues Werk. Seine Schaffenskraft ist unermüdlich! Kein Wunder, denn er beschafft sich durch die Kunst die Kraft, die harten Seiten seines Arbeitsalltags auszuhalten.
Mit den unzähligen Portraits von allen möglichen Menschen, Schauspielern von Bühne und Film, Kunst- und Literaturschaffenden, aber vor allem auch Musikern – manchmal ländlichen, mal städtischen, oft Meeresszenen – manchmal auch Privatem, erreicht er eine ständig wachsende Fangemeinde und hat auch schon einiges bis in die USA hin verkauft.
Dazu will bemerkt werden, dass er sehr „soziale“ Preise verlangt. Kunst, die man sich leisten kann!
Das Schreiben von Lyrik ist der andere Zweig, der nicht selten von ihm mit der bildenden Kunst in Zusammenhang gebracht wird. Alte Fotografien ihm unbekannter Personen hat er gesammelt, bewahrt und gewürdigt. Sie regten seine Fantasie zu Gedichten an, mit denen er ihrer Seele nachspürte. Oder sein inneres Auge, und sie standen Pate bei einem Portrait. Wie viele bebilderte Textbändchen er schon herausgegeben hat, vermag er spontan nicht zu beantworten. Aus der jüngsten Bild- und Textsammlung mit dem Titel „Der Zauber“ stammen die drei in diesen Text eingebrachten Gedichte auswählen. Der bebilderte Lyrikband ist übrigens auf Anfrage noch über den Künstler zu beziehen.
Vorfrühling
Ich blicke still auf das Magnolienblütengrab;
mit den feuchten Augen der einsamen Stunde,
die an der Schönheit dieser Welt zerbrechen.
Schmetterlinge tanzen im kalten Morgenlicht
über noch frostige, frische Gräser
und über kleine klare Bäche.
Die Vögel singen sich die Kehlen wund.
Die Amseln,
die Spatzen,
auch der kleine König, der versteckt im Efeu thront.
Das Leben erwacht,
streift ab des Winters Kleid in dieser frühen Stund‘,
erhebt sich dann in aller Pracht,
mit dieser zauberhaften Macht,
die allem Anfang innewohnt.
Und Schauer,
wohlige Schauer durchströmen mir den Sinn
und beinah‘, ja um ein Haar nur,
kann ich erahnen, wer ich bin.
Es ist ein Traum nur,
ein Flüstern;
zu zerbrechlich, um zu bestehen.
Es ist eine Magnolienblüte,
erweckt zu allerersten Strahlen,
zum Verzaubern,
Zum Vergehen.
Aus vorigen Ausstellungen kennt man auch Politisches von Gunnar Berndt. Mit „spitzer Feder“ sozusagen und einer Mischtechnik aus Collage frottierter Fototeile, Zeichenfeder und Pinsel schuf er bitterböse skurrile Gestalten. Ähnlich George Grosz in den 1920ern. Schrecken des Krieges und seiner Verursacher, Hitlerparodien, Macht, Dekadenz und Eitelkeit zeigte er auf. Nicht so das, was Wände schmückt und das Heim behaglicher macht. Aber bissig witzig und mahnend zugleich.
In seiner Ausstellung „Frauenbildnisse“ jedoch gibt es das, was wir ebenso brauchen: das Schöne. Das, wofür es sich zu leben lohnt. Die glückliche Liebe, die Sehnsucht, die Traurigkeit, die melancholische Einsamkeit, die Vertrautheit, das Sich-Wiedererkennen, ein Zurückfinden zu dem, was zählt.
All mein Glück
Ein Eis am Hafen essen.
Aufwachen ohne Wecker.
Am Wasser spazieren bei Sturm.
Am Wasser spazieren bei Sonnenschein.
Versteinerte Seeigel suchen.
Versteinerte Seeigel finden.
Wissen, Ihr seid zu Hause.
Wissen, Ihr geht euren Weg.
Die Kaninchen im Garten beobachten.
Lavendel.
Kirschblüte.
Hummeln.
Dem Kaminfeuer lauschen.
Du, schlafend auf dem Sofa.
Ich, schlafend im Sessel.
Das frühe Grün in den Bäumen.
Ich. Du. Ihr. Wir.
Was hat es denn eigentlich mit dem schönen Begriff „Bildnis“ auf sich, den er für den Titel dieser Ausstellung gewählt hat? Da schwingt etwas mit, man bemerkt es vielleicht nicht sofort. Etwas, das mehr ist, als nur ein Bild. Oder gar eine Abblildung. Auch gibt es nichts über die künstlerische Technik preis. Es ist aber allgemeiner als die sehr klar definierte Bedeutung „Portrait“, das Portrait meint ein bestimmtes Individuum, dessen Name meist bekannt ist oder war. Das Bildnis kann, aber muss das nicht umfassen. Es bleibt noch mehr im Unbestimmten. „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, singt Tamino in Mozarts „Zauberflöte“. Und er ist sofort bereit, alles für diese junge Frau zu tun. Ein romantischer Traum aus der Vergangenheit umweht den Begriff „Frauenbildnisse“.
Oft wählt der Künstler das Format „Kopf mit Schulterpartie“. Manchmal eine „Rückenansicht“, wo allein die Beschaffenheit des Körpers und die Haltung der Figur etwas über sie aussagen. Immer ist es genug. Das Gesicht ist hier nicht nötig für den Ausdruck. So etwas kennen wir von den einsamen Figuren Caspar David Friedrichs. Hier und da sind diese Figuren auch bei Gunnar Berndt in der Landschaft verortet, die Bildaussage entsteht im Wechselspiel Mensch-Natur. Eine Identifizierung mit den Dargestellten wird erleichtert.
Diese Bilder erzählen Geschichten.
Die dem Betrachter zugewandten oder nur leicht abgewandten „Schulterkopfbildnisse“ deuten auf individuellere Schiksale hin, verraten – und verschweigen zugleich- starke oder auch zarte Gefühle.
Eine Sekunde
Für eine Sekunde ins warme Licht getaucht.
Mich für eine Sekunde inmeinem Gedanken an dich
verloren.
Eine Sekunde zu lang gezögert.
Eine Sekunde zu lang gebraucht.
Für eine Sekunde die Götter beschworen.
Eine Sekunde lang innig geliebt.
Alles verloren, dennoch gewonnen;
für eine Sekunde der Ewigkeit entronnen.
Den Kopf aus Dunkel der Nacht erhoben, mich
aufgebäumt
und geatmet,
geatmet
und geträumt;
für immer in diesem Sein verwoben.
Manches Mal mag es nur die Laune eines kurz eingefangenen Augenblicks sein. Und die wird dann gerne aus ungewöhnlichem Blickwinkel erfasst. Das macht Gunnars Berndts Bilder zu einer solch emotionalen Angelegenheit. Gibt ihnen diese Ausstrahlung, die den anfänglich flüchtigen Blick – z.B. im Vorübergehen oder beim Scannen der Nachrichten auf dem Smartphone – innehalten, zurückwandern und verweilen lässt. Man bleibt, hängt fest, mag sich nur ungern abwenden.
Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten der Stadtbibliothek zu sehen.
Mo., Di., Do. und Fr. von 10.00 bis 18.00 Uhr
Sa. von 10.00 bis 13.00 Uhr
(NfI)